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Auf dem Weg zum europäischen Atomausstieg:
Belgiens große Chance

von Anika Limbach

Eine Kurzform dieses BUZ-Artikels erschien am 22. Juni in "Der Freitag".

 

Quelle: unitypix/shutterstock

Was aus deutscher Sicht völlig unverständlich ist: In Belgien teilt man kaum die Angst vor einem Super-GAU. Dass der Weiterbetrieb der beiden besonders riskanten Rissereaktoren Tihange 2 und Doel 3 in Deutschland als Skandal empfunden wird, kümmert ganz offensichtlich weder den Atomkonzern Engi-Elecrabel, noch die Atomaufsicht FANC, noch die belgische Regierung. Laut einer offiziellen Statistik befürworten 50 Prozent der belgischen Bevölkerung die Nutzung der Atomenergie. Doch auch Menschen, die ihr skeptisch gegenüberstehen, glauben, man könne eben nicht so schnell auf Atomstrom verzichten. Sie mögen die Stilllegung der beiden Bröckelreaktoren noch für realistisch halten, nicht jedoch ein zügiges Abschalten aller sieben Atommeiler (3 in Tihange und 4 in Doel). Allgemein befürchtet man Versorgungslücken und steigende Strompreise.

Ein Faktencheck ist also mehr als überfällig. Wie schnell oder wie langsam kann und muss sich der belgische Atomausstieg vollziehen?

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Uralte Atomkraftwerke wie in Tihange, Doel und Fessenheim lassen die Gefahr eines Super-GAU in Europa von Tag zu Tag steigen – wenn wir nicht entschieden handeln

ein Kommentar von Anika Limbach (BUZ-Ausgabe März/April 2016)

Tihange und Doel: Die tägliche Gefahr

Die Gewissenlosigkeit, mit der die belgische Atomaufsicht FANC völlig marode Atommeiler weiter betreiben lässt, ist kaum noch zu überbieten. Vor Kurzem enthüllte der WDR ein äußerst beunruhigendes Detail: Die Blöcke Tihange 2 und Doel 3 sind offenbar so brüchig, dass sogar normal temperiertes Kühlwasser die Reaktordruckbehälter zum Bersten bringen könnte. Die Folge wäre eine teilweise oder vollständige Kernschmelze. Um einen sog. thermischen Schock zu vermeiden, ordnete die FANC bereits 2012 an, das Notkühl-Wasser auf 30 Grad vorzuheizen. Im Dezember 2015 kündigte sie an, diese Maßnahme noch zu verschärfen. Zumindest für Doel solle die Vorheiztemperatur auf nicht weniger als 45 Grad erhöht werden. Damit wäre ausgereizt, was möglich ist, denn ab 50 Grad hätte Wasser nicht mehr den Effekt, erhitzte Brennstäbe zu kühlen. Es ist ein abenteuerliches Vorgehen, das Experten bisher nur aus Russland und osteuropäischen Ländern kennen.

von Anika Limbach, AntiAtomBonn (Artikel aus der BUZ Juni/Juli 2015)

Atommüll im Atlantik

"Versenkt und Vergessen", so heißt eine vom SWR produzierte Dokumentation über den Atommüll vor Europas Küsten, die im Herbst 2011 hohe Wellen schlug. Bis ins Jahr 1982 versenkten 9 Staaten – darunter auch Deutschland – schwach- und mittelradioaktiven Atommüll im Nordostatlantik. Niemand weiß, wie viele der 222.732 Fässer auf dem Meeresboden noch intakt sind. Die Filmemacher hatten einen Versenkungsort im Ärmelkanal in etwa 100 Meter Tiefe genauer untersucht. Sowohl unbeschädigte als auch völlig marode Fässer kamen vor die Kamera. Die spektakulären Aufnahmen vom rostigen Fragment eines Atomfasses mögen noch vielen Zuschauern präsent sein.
Am Beispiel der Insel Alderney (im Ärmelkanal) und der Region um Sellafield zeigt der Film sehr deutlich den Zusammenhang zwischen erhöhter Radioaktivität im Meer und einer steigenden Krebsrate in den nah gelegenen Küstenorten. Dies wird von den zuständigen Behörden systematisch geleugnet und vertuscht. Ihre Verquickung mit der Atomindustrie lässt sich anhand mancher Interviews durchaus erahnen.

- auch in Deutschland

 

Grenznahe Uralt-Atommeiler wie in Fessenheim (Frankreich), Tihange (Belgien), Borsele (Niederlande) und Beznau (Schweiz) sind besonders bedrohlich für uns, doch auch die noch betriebenen deutschen AKW setzen uns einer Gefahr aus, die allgemein – sogar von manchen Atomkraftgegnern – unterschätzt oder verdrängt wird.
Wir glauben, mit dem sogenannten Atomausstieg habe sich das Risiko eines Super-GAUs in Deutschland verringert. Das mag in gewisser Hinsicht stimmen, doch die restlichen Atommeiler werden immer mehr zu tickenden Zeitbomben, falls uns nicht gelingen sollte, eine schnelle, vorzeitige Stilllegung herbeizuführen.

Atomkraftwerke waren schon immer gefährlich. Es gibt jedoch Faktoren, die sie in der heutigen Zeit besonders und in steigendem Maße unsicher machen.
Auf Grundlage der BUND-Studie zur Sicherheitslage deutscher AKW (2013) und anhand der Einschätzung zweier Atomexperten – Wolfgang Renneberg und  Lars-Olov Höglund – haben wir diese Faktoren aufgezählt (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):